Helden der Eisenbahn

Gestern saß mir ein Blinder gegenüber. Der Zug war voller als gewöhnlich und nur bei ihm war noch eine Bank frei. Er schien allein zu sein und seine Kleidung war so makellos wie es meine niemals sein würde. Er war Perser. Jedenfalls glaubte ich das. Ich spreche weder persisch noch arabisch, aber seine weiche Aussprache am Telefon erinnerte mich an einen Freund aus dem Iran, den ich schon lange nicht mehr getroffen habe.
Mein Begleiter benutzte einen Computer mit einer Braillezeile und bewegte die Lippen, wenn er las. Eigentlich hätte ich ihn gerne gefragt wie seine Maschine funktioniert. Was für eine Art von Zeichensystem Braille verwendet? Sind es Buchstaben oder Laute? Ob er im Internet surft? Aber wie immer bei solchen Begegnungen habe ich mich nicht getraut. Es lag nicht daran, dass ich fürchtete seine Zeit zu verschwenden. Es war jene Unsicherheit die auf einem Mangel an Erfahrung beruht. Außerdem scheint es einen verborgen Stimme in unserem Inneren zu geben, die uns einflüstert, dass von jedem Menschen, der die Norm verletzt, eine Gefahr ausgeht.
Als der Zug hielt, packte er seinen Computer ein. Spätestens in diesem Augenblick hatte ich erwartet, dass sich jemand als sein Begleiter zu erkennen geben würde. Aber das geschah nicht. Inzwischen stand der Zug schon einige Augenblicke am Bahnhof. Endlich fragte ich, ob er Hilfe benötigte. Er verneinte.
„Sagen Sie mir nur wo der Ausgang ist.“
Der Zug war kurz davor die Türen zu schließen. Aber mein Begleiter ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Ich berührte den kleinen Mann an der Schulter und führte ihn durch den Gang. Nein! Diese Formulierung ist nicht korrekt. Ich führte nicht. Ich half ihm lediglich, die Richtung zu finden. Selbst als er die Zugtreppe hinunter ging, waren seine Schritte so zielstrebig, als gäbe es keine Dunkelheit, um ihn herum. Als er auf dem Bahnsteig stand, klappte er seinen Stock aus und drehte sich noch einmal zu mir um.
„In welcher Richtung liegt die Treppe?“
„Rechts, nach rechts!“
„Danke! Das haben sie gut gemacht.“
Er lächelte. Sein ganzes Gesicht war erfüllt davon, wie es oft bei Menschen ist, die ihre Mimik nicht durch den Spiegel der Anderen kontrollieren können. Er ging in die beschriebene Richtung und verschwand in der Menge. Als ich auf meinen Platz zurückging, wurde mir klar, wie sehr ich seinen Mut bewunderte.

6 Antworten auf Helden der Eisenbahn

  1. syl (Gast) sagt:

    Brailleschrift,
    Oh, das wäre interessant gewesen herauszufinden, wie ein Computer mit Brailleschrift funktioniert. Manche (ich, z.B.) sind so ahnungslos, dass sie noch nicht einmal wissen, dass es sowas gibt. Da gibt es also nur eins: Nächstesmal fragen. Bitte.

    Und bloggen.

  2. Allegra sagt:

    …wunderschoen !!!…

  3. Ich hab selbst in Wikipedia nachgeschauen müssen. Aber es gibt, glaube ich, auch spezielle Browser (Lynx?), die eine Webseite als Textzeile ausgeben. Jedenfalls war früher, als ich noch schickte Onlineanwendungen entworfen habe, immer die Rede von “blindentauglichen Seiten”.

  4. Danke, das wärmt :-) .

  5. JeaHove sagt:

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  6. JeaHove sagt:

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