Category Archives: Interview

„Die Storys liegen nicht im schönen Leben“

Schriftsteller Matthias Gerhards über den Stolz der Provinz, die Komik des Absurden und den Stoff, aus dem Geschichten gemacht sind.

Interview von Jan Söfjer

Herr Gerhards, Ihr Roman ist eine nüchterne Liebeserklärung an die rheinische Provinz. Sie kennen diese gut, nicht wahr?

Liebeserklärung würde ich nicht sagen. Eher Hassliebe. Ich bin in dem Dorf groß geworden, das ich in dem Buch beschreibe, es heißt nur anders. Mein Vater betrieb nebenbei eine kleine Schäferei und ich habe tatsächlich auch diese Hauptschule besucht, die ich beschreibe. Doch die Geschichte als solche ist frei erfunden und mein Dorf wurde auch nicht abgebaggert. Aber seitdem ich denken konnte, hatte ich immer nur einen Wunsch: Ich wollte raus. Raus aus dieser Enge und aus dem kleinbürgerlichen Muff, weg von den Vorgärten und den Schützenvereinen. Jetzt bin ich sozusagen literarisch zurückgekehrt.

Was reizt sie daran, über diese Gegend zu schreiben?

In der Provinz bildet sich das Große wie in einem Brennglas ab. Man kann wichtige Ereignisse viel klarer sehen kann. Mich interessiert die Ambivalenz der Dinge. Die Heimat ist sowohl was Schönes, als auch was Schreckliches, worüber man sich hinaus entwickeln muss. So wie man die Kindheit preisgibt, wenn man erwachsen wird, so muss man auch seine Heimat verlassen, wenn man sich weiterentwickeln will. Gleichzeit bleibt aber die Trauer über das, was man verloren hat. Die Geborgenheit, das Überschaubare und natürlich die Schönheit der Natur. Den Schmerz, der daraus entsteht, kann man nicht wieder gut machen. Auch die abgebaggerten Dörfer bleiben für immer verschwunden.

Sie heben besonders den Stolz der rheinischen Provinz hervor. Über einen Zugereisten heißt es: „Er war neu hier und diesen Makel würden selbst seine Enkel schwerlich ablegen können.“ Doch seit den 80er-Jahren, in denen Ihre Geschichte spielt, hat sich viel verändert. Ist der beschriebene Stolz eine Hommage an eine vergangene Zeit?

Das Buch könnte eigentlich zu jeder Zeit und überall spielen. Es geht nicht wirklich um das Rheinland oder um die 80er, sondern darum, was passiert, wenn wir alle Bezugspunkte in unserem Leben verlieren. Viele Dörfer und Städte haben durch Zuzüge schon von ihrem Charakter verloren. Der Stolz ist aber geblieben. Außerdem hat man sich jahrhundertelang gegen die Preußen gewehrt. Dass schweißt zusammen.

Dafür steht bei Ihnen auch der Dialekt, in dem sie viele Dialoge schreiben. Sie schreiben: Hochdeutsch werde von den Dörfern nur benutzt, wenn sie glauben, es mit einem Fremden, Akademiker oder Schwachkopf zu tun zu haben.

(Lacht) Ja, zwischen diesen Gruppen wird kein wesentlicher Unterschied gemacht. Es ist aber ein abgeschwächter Dialekt, der echte wäre für Außenstehende nicht zu verstehen gewesen. Das ist ja kein Mundart Roman, sondern die Leute reden einfach nur wie sie reden.

So richtig leichte Kost ist Ihr Buch ja nicht. Gleich zu Beginn kommt der Bruder des Protagonisten Thomas um, die Familie lebt von Sozialhilfe. Und doch muss man immer wieder schmunzeln. Wie haben Sie das angestellt?

Das Leben ist grundsätzlich tragisch, weil wir alle sterben müssen. Wenn man aber genauer hinschaut, entdeckt man in den Details, immer wieder was Komisches. Beispielsweise die Tatsache, dass Beerdigungen ab einem gewissen Alter zu Familienfesten werden, auf denen es am Ende immer ziemlich beschwingt zugeht. So jung kommt man ja nie wieder zusammen. Das Tragische setzt sich sozusagen aus den Elementen des Absurden zusammen und wird dadurch komisch.

Dazu tragen auch Nebenfiguren bei. Etwa der überforderte Dorfpolizist oder der Pfarrer, der bei jedem seine alten Kriegsgeschichten loswerden will.

Die Figuren sind überzeichnet, aber nicht besonders stark. Die Meisten waren wirklich so. (Lacht) Ich bin der Meinung, dass der wahre Realismus komisch ist.

Ihr Roman ist der erste von drei Teilen, die Aufstieg und Fall eines Sonderschülers zum gefeierten Unternehmer beschreiben. Sie selbst haben die Hauptschule besucht und später studiert.

Ja, und ich hatte nie das Gefühl, dass meine Mitschüler auf der Hauptschule dümmer waren als die auf dem Gymnasium. Deren Eltern hatten einfach nur angesehenere Berufe. Das dreigliedrige Schulsystem ist ein Abbild der früheren Ständegesellschaft, das viel Bildungsunglück erzeugt. Ich finde, es ist ein gesellschaftlicher Skandal, dass wir das einfach hinnehmen. Und ich finde, dass jeder Mensch das Recht und das Zeug dazu hat, gebildet zu werden. Darum geht es auch in diesem Buch.

Am Ende hat es sie aber auch ein Stück weit auf ihr Roman-Thema gebracht. Wie kamen Sie genau darauf?

Vor einigen Jahren traf ich in einer Kölner Kneipe einen türkischen Freund aus Kindertagen. Wir sprachen darüber, wie es uns in den letzten Jahre ergangen ist. Da wurde mir klar, dass die Storys nicht da liegen, wo ich dachte, nicht im schönen gebildeten Leben. Man muss den Entwicklungslinien der Menschen nachspüren. Mich interessiert, wie der Mensch zu dem wurde, was er ist, durch welche Krisen er sich durchkämpfen, welche Hürden er überwinden musste.

Jedes Kapitel des Buches beginnt mit einem Zitat aus einem Lied. Welche Bedeutung haben diese Texte für Sie?

Ich finde die Literatur darf sich nicht allzu sehr mit sich selbst beschäftigen. Man muss die ganze Welt in seinen Text lassen. Und dazu gehören Filme, Comics, Songs, Literatur und das was die Leute wirklich sagen. Für dieses Buch habe ich viel Musik aus den 80ern gehört, die ich früher eigentlich nicht toll fand. Ich hab alte Marvell Comics aus dieser Zeit gelesen. Die Fantastischen Vier und Batman. Aber auch Moby Dick oder Filme wie „Mein Wunderbarer Waschsalon“. Das taucht alles im Buch kaum auf, war aber trotzdem wichtig, um den richtigen Ton zu treffen.

„Gott ist kein Zigarettenautomat“ ist Ihr Debut, aber schon das dritte Buch, dass sie angegangen sind. Warum hat es dieses Mal geklappt?

Ich brauchte sehr lange, um zu verstehen, was es Wert ist, in einem Roman beschrieben zu werden. Dieses Mal hatte ich das Gefühl, dass ich diese Geschichte schreiben musste und dass ich sie genau so schreiben musste, wie sie da steht.